Karin Weber - Galeristin - Galerie Mitte, Dresden

ZUR ERÖFFNUNG DER AUSSTELLUNG MALEREI T.M. ROTSCHÖNBERG, BLAUE FABRIK, DRESDEN

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es bereitet mir eine große Freude, diese Ausstellung mit farborgiastisehen Arbeiten von T.M. Rotschönberg zu eröffnen, einem Künstler, der kühn und mit leidenschaftlich vorwärtsdrängendem Temperament mit Leib und Seele der Malerei verschrieben hat und mit ihr der Farbe, als einem strömend glühenden, lebendig bewegten Naturelement.

Den durch tausend morsche Konventionen erstickten und verschütteten Kern des künstlerischen Lebendigseins ist er mit analytischem Verstand und logischer Schlußfolgerung auf der Spur. Um die einfache große Kraft von Farben unmittelbar gegenwärtig zu machen, die aufsteigt, einer inneren Notwendigkeit folgend, aus dem Gestaltlosen und dann gewaltig bewegte Landschaftsräume preisgibt, bewegt und doch dauernd, die man nur begreift aus der eigenen Kraft, die leben und erleben läßt, kann man nicht Erscheinungen beschreiben, sondern muß Zeichen aus einfachen Formen und energiebewegten Farben setzen. Für den Betrachter gibt es kein Ausweichen, entweder wird er Opfer der sichtbaren Farbsucht oder beherzter Gegner, aber der tobenden Brandung des nervös-kantigem, grellfarbenen Ozeans kann auch er sich nicht ganz entziehen. Der Künstler ist ein genialer Fallensteller, der einem expressiven Pinselduktus, einem flammenden, in sich austariertem, Inferno huldigt. Heftige Farbstürme tosen zeitlos auf der Leinwand, verführen und entführen den Betrachter. Malerei ist für T.M. Rotschönberg ein Bekenntnis, angesichts der Gegenwärtigkeit seelenloser Kunstproduktionen zuhauf. Er ist ein Philosoph unter den Malern, ein Realist unter den Träumern, der die Befreiung der Malerei an den Gegenstand bindet. Ein durchaus romantischer Aspekt in seiner Arbeit, der seiner intelligenten Neugier und Experimentierfreudigkeit keinen Abbruch tut.
Farben sind für ihn Dynamitpatronen, die das Licht entladen, die im Zusammenspiel Gesetzmäßigkeiten unterworfen sind, die er als wissenschaftlicher Maler in allen Nuancen auslotet.

"Ich male nicht das, was mich beeindruckt, sondern um zu beeindrucken", sagte mir T.M. Rotschönberg mit leuchtenden Augen. Oder anders gesagt, malt er nicht seine Gefühle, sondern, um Gefühle zu erzeugen, malt er Assoziationsmöglichkeiten.

Die kontrastreichen Farben und deren Rhythmus sind gebunden an irrational phantastische Landschaften, die er so nie gesehen hat und die man so auch niemals wirklich sehen wird. Er ist kein Pleinairist, der mit der Staffelei unterm Arm beglückt in die Natur zieht, um sich beeindrucken zu lassen. Er ist nicht daran interessiert mit den Landschaften, deren Kompositionen er sich ausdenkt, die Weltseele bloßzulegen. Ihn interessiert die Fähigkeit von Farbe, Räume erlebbar zu machen, Volumina zu entwickeln. Farben werden einer Disziplin und einem eigenwilligen Ordnungssystem unterworfen, das nicht ihrer eigengesetzlichen Natur widerspricht.

Farben wollen auch nichts über sich hinaus ausdrücken und bedeuten, aber indem sie ihren lustbetonten Eigenwert darstellen, rufen sie zugleich Erscheinungen hervor, in deren Spannung das Verhältnis des Ich zur Welt sowohl beleuchtet, als auch im ästhetischen Gleichgewicht aufgehoben wird. T.M. Rotschönberg tarnt seine ausgeklügelten, ausgedachten abstrakten Farbkompositionen demzufolge im Schafspelz der Landschaftsmalerei. 
T.M. Rotschönberg wird von einem radikalen Erneuerungswillen geleitet, der Traditionen beileibe nicht aufhebt, geschweige denn negiert. Er ist interessiert an einer Synthese von Form und Malkultur, ohne den Inhalt überzubewerten und zwar mit der Fähigkeit, gefühlsmäßige Interpretationen für den Betrachter durchaus offen zu lassen, wenngleich der Künstler selber keine Gefühle in Malerei übertragen will, keine Seelenzustände in Farben fließen lassen möchte.
Und doch kann er es eigentlich nicht ganz ausschließen. Apokalypse steht neben Idylle, paradiesischer Höhenflug neben Höllensturz.
Sein Ziel ist allerdings letztendlich ausschließlich: Gestaltung in Form und Farbe. Ihn interessiert der gesetzmäßige Zusammenhang von Rhythmus und Gegenrhythmus, von Klangfarben, von Komplementärkontrasten, von Raum und Fläche, von Licht und Schatten.
Und dennoch verführt T.M. Rotschönberg die Betrachter seiner Arbeiten, denen er eindeutig landschaftsbezogene bzw. metaphorische Titel gibt, wie es Andreas Hüneke im Katalog andeutete "zum Gang ins Geheimnisvolle und. Unbekannte, wo erstaunliche Visionen und wunderbare Utopien warten."

Man geht nicht von einem Nichts aus. Nichts ist umsonst. Es scheint mir, daß viel zu viele von den Malern, die man heute "abstrakt" nennt, von einem Nichts ausgehen. Sie sind willkürlich, sie haben keinen Atem, keine Inspiration, keine Gefühle, sie imitieren die Abstraktion, da es ihnen nicht gelingt, Zusammenhänge herzustellen.

Es gibt keine neuen Wahrheiten. Die Rolle des Künstlers wie die des Wissenschaftler beruht darauf, gängige Wahrheiten zu erfassen, die man ihm oft wiederholt hat, aber die für ihn eine neue Bedeutung erhalten und die er für sich an dem Tag zu eigen macht, an dem er ihren tieferen Sinn erfaßt hat. T.M. Rotschönberg buhlte nicht um Zustimmung, somit waren Konventionen für ihn unwesentlich, die das Bild um der Mode willen ersticken und ihm die Strahlkraft nehmen. Er liebt die Metamorphose und gelangt von einer Abstraktion zu einer konkreten Wirklichkeit, da er weiß, "wenn man das Unsichtbare begreifen will, muß man so tief wie möglich ins Sichtbare eindringen".

Er lebt, umgeben von einem Landschaftsparadies, an der Freiberger Mulde in einer historischen Fabrikantenvilla, die er in liebevoller Detailarbeit restauriert und entrümpelt hat. Dort befindet sich das Paradies seiner Malereien. Dort wird man fündig, wenn man ihn besucht. Und man sollte ihn besuchen! Dort erfindet der promovierte Chemiker in jahrelanger Arbeit seine Kompositionsgefüge, um sie in einem kurzen, feurigen Malrausch zu verwirklichen, in einer gewaltigen, gewalttätigen Orchestrierung der Mittel. Fasziniert, mitunter irritiert, aber immer überrascht taucht man als Betrachter in seinen Mikrokosmos lebendiger Landschaftsvariationen und -improvisationen ein, die ein eigenwilliges ,,horror vacui" kennzeichnet, einer Angst vor der Leere, vor dem Nichts.

Und in gewissem Sinne meditiert er - einer inneren Notwendigkeit folgend - über den gesetzmäßigen Zusammenhang von Lust und Verlust.