Kersten Storch

EIN BRIEF


Liebe ....
auf meinem Schreibtisch herrscht das blanke Chaos, der Fußboden des Zimmers ist übersät mit Kunstkatalogen, Zeitungsartikeln und Briefen. Klaviermusik von Beethoven gibt der Szenerie die klangliche Untermalung, in der ich nun schon seit zwei Tagen sitze und dem Leben dessen nachsinne, über den Du doch nichts weiter als ein paar biographische Fakten und Daten von mir erbeten hast, um sie in der Ausstellung neben seine Bilder zu hängen: T.M. Rotschönberg.
Die Tatsache, daß wir einander vor 17 Jahren zum erstenmal begegnet sind - lange bevor sein Bild mit dem schönen roten Berg, das ihm schließlich den Künstlernamen Rotschönberg einbrachte, entstand - und die seitdem währende Freundschaft lassen verstehen, warum es mir unmöglich ist, Tom auf die Aufzählung von ein paar "künstlerisch-relevanten" Stichpunkten seines Lebenslaufes zu reduzieren, die Du als allgemeine Information der Ausstellung voranstellen könntest. Was ich Dir erzählen kann und möchte, ist etwas anderes: Es ist eine sehr persönliche Sicht auf den Menschen Thomas Müller, die untrennbar mit der langen Geschichte unserer Freundschaft verbunden ist.

Es war im Spätherbst 1980, als Tom plötzlich auf dem Platz neben mir in der Bank der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät Freiberg saß und meinem überrascht-düsteren Blick ein freundlich-selbstbewußtes: "Ich hab' gehört, der Platz ist noch frei!?", entgegenhielt. "Ja" - frei war er schon, aber das sollte er, aus meiner Sicht, auch bleiben. Ich hatte mich bereits nach wenigen Wochen innerlich und äußerlich aus der Klasse zurückgezogen, mit der ich in der "Kaderschmiede" ABF Freiberg im Verlaufe eines Jahres zur Hochschulreife "geführt" werden sollte. Geschockt von der allgegenwärtigen, dümmlichen politischen Indoktrination an dieser Einrichtung verbarrikadierte ich mich quasi auf der letzten Bankreihe und hoffte, mit der nötigen Portion Ignoranz dort dies eine Jahr auszuharren. Und nun hockte plötzlich dieser Typ da! Er hatte seine Lehre vorzeitig abgeschlossen und war nach 18monatigem Wehrdienst direkt von der Armee noch in unseren Abiturkurs aufgenommen worden, der schon seit zwei Monaten lief. Er fragte mich nach Büchern, Unterrichtsmaterialien, dem bisherigen Lehrstoff und den Lehrern. Ich antwortete höflich und blieb skeptisch. Es war ein Montag, und wie jeden Montag war die Zahl derer, die sich nach Unterrichtsschluß auf den Weg zum Internat oder in die Stadt begaben, verschwindend gering. Es war der Tag der Parteiversammlung. Ich war noch nicht weit vom Schulgebäude entfernt, als ich von hinten angesprochen wurde: "Na, du mußt wohl auch nicht nachsitzen? Gehst du jetzt ins Internat? Dann haben wir ja den gleichen Weg." Ich drehte mich um: Tom, mein neuer Banknachbar. Erleichtertes Lachen meinerseits. "Ach, du auch nicht?!" Das Eis war gebrochen! Und da war noch ein Ereignis an diesem Tag. Der vertretungsweise unterrichtende Mathematiklehrer, der nicht wußte, daß Tom neu in der Klasse war, hatte ihn an die Tafel geholt. Dieser begann die Aufgabe nach einem spontan erdachten Algorithmus zu lösen, was zwar den Lehrer erzürnte, der den im Lehrplan verankerten verwirklicht sehen wollte, mich hingegen aufmerken ließ. Mein Interesse war geweckt! Was folgte, war eine Zeit langer, intensiver Gespräche, oft stunden-, manchmal fast tagelang. Von den Unterrichtsstunden, die uns oftmals langweilten, ließen wir uns in unseren Unterhaltungen kaum unterbrechen. Irgendwann kam es dazu, daß die Parteigruppe unserer Klasse den Beschluß faßte, daß wir auseinandergesetzt werden sollten. Es war wirklich wie im Kindergarten. Wir blieben sitzen und redeten weiter. Wir redeten über Gott und die Welt; mehr allerdings über Letzteres. Daß uns deren gegenwärtiger Zustand nicht gerade ideal erschien, war schnell klar, und daß wir beide über Ideale und Veränderungen nachdachten auch. Aber was tun? Im Diskutieren darüber fanden wir kein Ende, und einig waren wir uns nur selten. Dabei war Tom derjenige, der viel mehr vom Ziel her dachte, der sich konsequent weigerte, über praktikable Wege für eine Veränderung nachzudenken, solange deren Zielpunkt inhaltlich noch nicht klar beschrieben werden konnte. Das zeichnet ihn bis heute aus: Sein Festhalten an einem konkreten Ziel, seine konsequente Weigerung, die Differenz zwischen Weg und Ziel aufzulösen, indem der Weg bereits zum Ziel erklärt wird und dabei dieses im Grunde genommen stillschweigend aufgegeben wird. Tom hat sich nie von dem Kerouac-Slogan, daß die Bewegung alles sei, infizieren lassen. Er ist ein Mensch der Ordnung und der Logik im Denken. Darin ist er unerbittlich und konsequent. Das ist faszinierend, aber auch anstrengend, und es gibt Momente in denen es fast unerträglich ist - für seine Umgebung, aber auch für ihn selbst, denke ich. Tom kann nie bei dem Nur-Oberflächlichem, Vorläufigen stehenbleiben; alles muß mit strengster Logik zu Ende gedacht, alle Konsequenzen abgewogen werden, mit dem Anspruch perfekt zu sein noch in den tiefsten Tiefen und oftmals gerade dort. Vielleicht ahnst Du schon, daß ein solch hoher Maßstab auf der handlungspraktischen Ebene oft zu Schwierigkeiten führt, die den zugrundeliegenden Anspruch nahezu konterkarieren können. Aber ich schweife ab ...
Es war natürlich auch während der ABF-Zeit, als ich die ersten Bilder von Tom sah. Ich weiß noch, daß mich das ungemein überraschte, hatte ich Tom doch als glasklaren, logischen Denker kennengelernt, der in den Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaften zu Hause war, die eine deutliche Faszination auf ihn ausübten. Wieso malt ein solcher Mensch Bilder? Kunst und Naturwissenschaften repräsentierten damals für mich zwei völlig verschiedene Welten: Während ich mir die eine vollständig von Inspirationen, Gefühlen, Stimmungen und musischer Genialität getragen vorstellte, war Wissenschaft für mich der Inbegriff von Objektivität und striktem kausalen Denken, völlig inkompatibel mit den subjektiven Strukturen des Künstlerischen. Wenn ich mir heute kaum noch vergegenwärtigen kann, jemals so gedacht zu haben, so ist es mir doch deutlich in Erinnerung, daß es nicht zuletzt Toms Erläuterungen zu seinen Bildern und zur Malerei überhaupt waren, die mich beginnen ließen, zu verstehen, daß die Dinge und Erscheinungen in ihrem Wesen mehr zusammenhängen, als wir es durch unsere differenzierenden Begriffe und Kategorien auszudrücken vermögen.
Ehrlich gesagt, war ich damals aber von der Tatsache, daß Tom malte weitaus mehr beeindruckt, als von dem, was er malte. Es handelte sich dabei vor allem um Landschaften und Stilleben, oft von Fotografien oder der Natur abgemalt. Für ihn waren das wohl so eine Art handwerkliche Übungen, um verschiedene Effekte und Techniken einzuüben und auszutesten, da er zu diesem Zeitpunkt im Malen und Zeichnen bereits kein Anfänger mehr war. Mit 15 Jahren begann er mit Ölfarben zu malen und hatte auch während seiner Lehrausbildung und die ganze Armeezeit hindurch gemalt.
An einige Bilder, die er mir damals zeigte, erinnere ich mich noch deutlich. Da war zum Beispiel die Ansicht eines Gebirgszuges - brauner Fels. Tom hatte davon zwei Varianten gemalt, die mir beim flüchtigen Hinsehen nahezu identisch erschienen, so daß ich, von ihm nach dem Unterschied befragt, nur vage Vermutungen daherstammelte. Schließlich deckte er fast die gesamte Fläche des einen Bildes ab, so daß nur noch ein kleiner Fleck vom braunen Fels sichtbar blieb und fragte: "Was siehst du?". "Braunen Fels." "Nein", erwiderte er, "du weißt, daß es sich um einen Ausschnitt aus den braunen Gesteinsmassiv handelt. Aber was siehst du?" Er hatte recht, was ich sah, war weiter nichts als eine braune Farbfläche. Anders bei der zweiten Variante des gleichen Bildes: Dort war der kontextlose Ausschnitt aufgrund seiner Strukturierung als Gestein identifizierbar. Tom erzählte mir daraufhin, wie ihm dieses Problem nach dem Malen des ersten Bildes bewußt geworden sei und wie er durch viele Versuche hindurch systematisch an dessen Lösung gearbeitet, zahlreiche Ansätze verworfen hatte, bis er schließlich zu einem befriedigenden Ergebnis gelangte. Bei einem anderen Bild spiegelte sich die Silhouette der Bäder von Heviz im Wasser des Balaton. "Weißt du, wie man das macht?" Natürlich wußte ich es nicht. Tom erklärte es mir. Und dann das Bild mit der wassergefüllten Glasvase, in der einige Herbstblumen steckten. Noch nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, wie man es bewerkstelligt, etwas Durchsichtiges wie Glas mit oder ohne Wasser realistisch zur malerischen Darstellung zu bringen. Ich fing an, zu verstehen, daß die Kenntnis von Gesetzmäßigkeiten und Regeln auch im Bereich der Kunst gefordert ist. Während ich nun noch über das Einmaleins des Zeichnens staunte, war Tom schon längst dabei, in der Höheren Mathematik dieses Faches heimisch zu werden. Noch während der ABF-Zeit, das heißt 1980/81, entstanden seine ersten abstrakten Gemälde.
Im Herbst 1981 begann unsere 5jährige gemeinsame Studienzeit an der Bergakademie Freiberg. Tom, der bereits den Beruf des Chemiefacharbeiters in der Fettchemie Karl-Marx-Stadt, seiner Heimatstadt, erlernt hatte, fühlte sich von Anfang an im Chemiestudium heimisch. Dabei dienten ihm die Lehrveranstaltungen bestenfalls als Anregungen und Impulse, um im kreativen Nachdenken eigene Wege zu gehen. Er war nicht der Student, der angebotene Lösungen hinnahm und auswendig lernte; er prüfte mit unbestechlicher Logik nach, immer auch nach alternativen oder neuen Möglichkeiten Ausschau haltend - und das nicht nur im naturwissenschaftlichen Bereich. Was dort allerdings "recht" war, erwies sich in der sogenannten gesellschaftswissenschaftlichen Ausbildung keineswegs als "billig". Den systembedingten, zwangsläufig folgenden Konflikten ging Tom nicht aus dem Weg, ließ sich aber auch nicht von ihnen dominieren. 
In erster Linie waren diese Freiberger Jahre aber eine Zeit des Entdeckens und des Experimentierens - und das nicht nur im Chemielabor. Im Internat traktierte Tom oft stundenlang die Gitarre, immer neue Klangfolgen und Griffe ausprobierend. Nicht selten kam es dann auch zu spontanen Sessions, bei denen er gemeinsam mit Freunden die Wände erzittern ließ, ungeachtet der Tages- oder Nachtzeit. Als Hörer begeisterte er sich besonders für Musiker wie Frank Zappa, Van der Graaf Generator, Soft Machine und ganz besonders King Crimson. Ihre Musik war für ihn die große Entdeckung, da er darin bis heute eine Synthese von Stilrichtungen und -elementen verwirklicht sieht, wie er sie auf dem Gebiet der Malerei auch mit seinen Arbeiten anstrebt.
Die Studienzeit wurde auch geprägt durch viele neue und interessante Bekanntschaften, Freundschaften, die entstanden und Dauer bekamen, Flirts, Liebschaften, Beziehungen von kürzerer oder längerer Dauer. Da waren Bücher, Aufsätze, Artikel, die gelesen und im Freundeskreis diskutiert wurden - Christa Wolf, Stefan Heym, Franz Fühmann, Franz Kafka, Hermann Hesse, Robert Havemann, und etwas später dann Erich Fromm, Josef Rattner und Klaus Theweleit. Das Spektrum war breit, aber dennoch zielgerichtet. Nie ging es Tom darum, einem abstrakten Bildungsideal Tribut zu zollen oder gierig alles aufzusaugen, was als Kritik am DDR-System daherkam oder sich zumindest als solche verwerten ließ. Er war und ist nicht der Mensch, der darauf fixiert ist, gegen etwas zu sein. Aber wer wie er einen konstruktiven Standpunkt bezieht, sich nicht durch ideologische Vorgaben im Denken beschränken, noch sein Handeln durch behauptete Sachzwänge dirigieren läßt, der wird früher oder später immer mit den etablierten Strukturen und ihren Hütern in Konflikt geraten. Menschen wie Tom sind unbequem. Sie stellen eine Herausforderung für ihre Umwelt dar, weil sie nicht aufhören wollen und können, nach der Wahrheit zu fragen (Während die Machthabenden im DDR-Staat meinten, Wahrheit per Definition einfach festlegen zu können, ist heute der Wahrheitsbegriff selbst - in einer von fragmentarischer Zweckdienlichkeit beherrschten Welt - obsolet geworden.).
Fast überflüssig, zu erwähnen, daß damals schließlich der Zeitpunkt kam, an dem auch der Staatssicherheitsdienst begann, sich für Tom zu interessieren, ihn zu Verhören abholte, die sie als "Unterhaltungen" bezeichneten und massiven Druck auf ihn ausübte. Tom war in dieser Zeit nahezu unerträglichen psychischen Spannungen ausgesetzt, lebte ständig in dem Bewußtsein: 'Sie können dich jederzeit wieder holen. Und was wollen sie diesmal; was wollen sie überhaupt? Lassen sie dich wieder gehen nach drei, vier oder fünf Stunden, nach einer Nacht? Wie oft noch?' Ich habe es miterlebt, wie Tom im Internatszimmer sitzend beim Geräusch ankommender Autos zusammenzuckte, wie zuklappende Türen ihn aufspringen ließen. Dennoch gelang es der Stasi nicht, ihn in die Isolation zu treiben oder ihn gar für sich zu instrumentalisieren. Unmittelbar nach dem ersten Verhör erzählte Tom einer Reihe ihm nahestehender Freunde und Freundinnen - entgegen dem Verlangen der Stasi nach striktem Stillschweigen - was geschehen war. Wie wir auch später, jedesmal wenn sie ihn wieder abgeholt hatten, im Nachhinein zusammensaßen, das Geschehene und Gesagte rekonstruierten und besprachen. Ich denke bis heute, daß es im wesentlichen Toms rückhaltlose Offenheit und unser darauf gründender Zusammenhalt waren, die schließlich dazu führten, daß die Sicherheitsorgane das Interesse an ihm verloren. Natürlich äußerten sie sich nicht dazu und erst nach Wochen und Monaten, in denen ihn niemand mehr einfach aus dem Labor oder dem Internat abgeholt oder auf der Straße abgepaßt hatte, begann die anfängliche Hoffnung mehr und mehr so etwas wie die Gewißheit zu werden: 'Sie werden auch in Zukunft nicht mehr kommen.' Aber wieviel Gewißheit war in einem solchen Falle überhaupt möglich?

Tom hatte zunächst in den ersten drei Freiberger Studienjahren, meines Wissens, so gut wie nicht mehr gemalt. Als er dann im vierten Studienjahr, 1984, gemeinsam mit einem Freund und Kommilitonen begann, Illustrationen zu Hermann Hesses Steppenwolf zu malen, war das sicherlich auch eine Form, um das im Zusammenhang mit den Stasi-Repressionen Erlebte und Erfahrene zu verarbeiten. Doch es war mehr als das. Tom hatte wieder Feuer gefangen an der Malerei. In den noch verbleibenden zwei Jahren des Chemiestudiums entstanden ständig neue Bilder; beginnend mit den verschiedenen Variationen der Tadshikistan-Bilder, denen dann 1985 gleich der "Zyklus der Abstraktionen" folgt. Im Januar 1986 sind die neu entstandenen Werke in einer Ausstellung in Freiberg zu sehen. Ihren Platz fand diese, auf Toms Initiative hin, im Foyer des Chemischen Institutes der Bergakademie und eröffnete eine Reihe von sechs weiteren "Echo"-Ausstellungen, die bis 1990 in etwa jährlichem Abstand dort gezeigt wurden. Im Zusammenhang mit der ersten "Echo"-Ausstellung kam es im Frühjahr `86 zur Bekanntschaft mit Frank Siewert, die sich später zu einer engen Freundschaft entwickelte. Im Graphikzirkel der Bergakademie arbeiteten die beiden eng zusammen, erschlossen sich gemeinsam immer neue Möglichkeiten und Facetten der Malerei, wurden dabei mit den Werken und Vertretern verschiedener Stilrichtungen bekannt, von denen manche zu Vorbildern wurden, Anregungen lieferten, zur Auseinandersetzung herausforderten. Der Kubismus wird ihnen wichtig mit seiner Suche nach der reinen Form und der Expressionismus mit dem Klang der reinen Farbe. Sie fühlen sich von Kandinsky und vor allem von Marc inspiriert; aber auch Heckel, Kirchner, de Vlaminck, Derain und Picasso sind in dieser Reihe zu nennen. Fast täglich trafen Tom und Frank sich in jener Zeit, malten und zeichneten gemeinsam, und oft hätte ein Dritter nicht sagen können, ob das Entstandene Tom oder Frank zuzuschreiben sei. Wer sieht, wie verschieden die beiden heute arbeiten, kann darüber nur staunen.
Über den Freiberger Graphikzirkel entstehen weitere Bekanntschaften, weitete sich die Zusammenarbeit aus. Die dritte "Echo"-Ausstellung 1988 vereinte die Arbeiten dieser Gruppe: neben Tom befanden sich Frank Siewert, Andreas Stelzer, Torsten Eckhart, Holger Koch unter den Ausstellenden. Ein Jahr später, 1989, dem Jahr, in dem so vieles im Auf- und Umbruch war, gab es gleich zwei weitere Ausstellungen. Die sechste und letzte Veranstaltung der "Echo"-Reihe fand im Frühjahr 1990 statt. Neben den Gemeinschaftsausstellungen in Freiberg hatte er in diesen Jahren seine ersten Personalausstellungen, so z.B. im JK Spartakus in Potsdam, in der Leipziger Moritzbastei und eine "Hofvernissage" in Jena.

Tom hatte inzwischen nicht nur das Chemiestudium längst abgeschlossen, sondern stand bereits kurz vor der Fertigstellung seiner Promotionsarbeit im Fachbereich Organische Chemie.
Nachdem er im Sommer 1986 die Bergakademie als Diplom-Chemiker verlassen hatte und anschließend für ein halbes Jahr in seinen Lehrbetrieb, die Fettchemie Karl-Marx-Stadt, zurückgekehrt war, um das Abenteuer in der Produktion zu erleben - nein, er suchte vorübergehend geistige Unbelastetheit, um sich auf das Malen zu konzentrieren und andererseits Distanz zu seinen Beschützern - kehrte er als Aspirant an die Sektion Chemie in Freiberg zurück. Dort entwickelte er ein Verfahren zur Herstellung geeigneter Sammler für die flotative Trennung der Minerale Fluorit und Calcit
Selbst in diesen scheinbar anonymen naturwissenschaftlichen Kontext brachte Tom seine Individualität ein. Einer der Gutachter seiner Dissertation formulierte: " Die Beschreibung der Synthesen ist unkonventionell. Bei großer Übersichtlichkeit und konsequenter Einhaltung der vorgegebenen Gliederung wird zur Darstellung der Vorgehensweise und Ergebnisse auf jeglichen Schematismus verzichtet. Der Leser spürt förmlich die Freude, die der Autor beim Gelingen eines komplizierten Syntheseschrittes empfunden hat und ebenso die Enttäuschung über mißlungene Versuche. Die Art der Präsentation erinnert an die Altmeister der Präparierkunst im vorigen Jahrhundert. Auch wenn Thomas Müller, äußeren Zwängen gehorchend, die unpersönliche Darstellungsweise benutzt, ist soviel von seiner Persönlichkeit in den Text eingeflossen, daß es dem Gutachter ein echtes Lesevergnügen bereitet hat. ... - und bestätige es gern noch einmal, daß ich den Entschluß des Autors respektiere, von der üblichen, in Konvention erstarrten wissenschaftlichen Berichterstattung abzuweichen und seine Erkenntnisse und den Weg dahin in lebendigen Worten zu schildern. Auf diese Weise wird der interessierte Leser förmlich in die Problematik hineingezogen und kann jeden einzelnen Schritt gedanklich nachvollziehen. Die Begeisterungsfähigkeit, die dem Künstler Thomas Müller anhaftet, kann auch der Wissenschaftler Thomas Müller nicht verleugnen."

Nachdem Tom als Aspirant wieder nach Freiberg zurückgekehrt war, bewohnte er zunächst gemeinsam mit seiner Freundin Kerstin eine verwinkelte, niedrige Dachwohnung im unsanierten Teil der Innenstadt. Zentral gelegen war diese Bleibe nicht nur beliebter Treff- und Kommunikationspunkt für Freunde und Bekannte, sondern diente als Studier- und Arbeitsraum, als Atelier für Toms Malerei sowie als Werkstatt, in der Kerstin an der selbstgebauten Scheibe ihre "Töppe drehte", wie sie selbst die Herstellung ihrer phantasievollen Kunstwerke nachlässig betitelte. Und zwischen all den Farben, Bildern, Heftern, Büchern, zwischen Ton und Töpfen war fast immer jemand anzutreffen, der - in tiefe philosophische Diskussionen mit Tom verstrickt - sich an den Tee- und Kühlschrankvorräten der beiden gütlich tat.
Neben seiner Forschungsarbeit war Tom damals gerade sehr engagiert mit seiner promotionsbegleitenden Arbeit im Fach Marxismus/Leninismus befaßt, die zu DDR-Zeiten ein unabdingbarer Bestandteil eines jeden Promotionsverfahrens war. Die meisten Promoventen betrachteten das als eine lästige zusätzliche Belastung und arbeiteten diese Forderung mit der entsprechenden Unlust und Überdruß ab. Tom, der nicht bereit war, Zeit und geistige Energie in eine derart sinnlose Pflichtübung zu investieren, schlug selbst eine Themenstellung für diese Arbeit vor und konnte diese auch tatsächlich durchsetzen: "Definierung der kommunistischen Persönlichkeit aus dem Blickwinkel der Psychoanalyse". Der damit bezeichnete Untersuchungsgegenstand fiel deutlich aus dem Spektrum des im Rahmen der DDR-Ideologie üblichen, genormten philosophischen Denkens heraus, dem der (mechanische) Marxismus allein als die Antwort aller Fragen galt. Ihm ging es bei dieser Arbeit um eine kritisch-analytische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen DDR-Wirklichkeit. Wichtig war dabei vor allem, zu unterscheiden zwischen dem Wesen des Menschen und seinem konkreten historischen Erscheinungsbild. Dies sollte letztlich dazu dienen, eine wissenschaftlich fundierte Moral zu formulieren, die weder von Macht, Tradition noch kollektiven Rationalisierungen determiniert ist. Als Tom 1990 die Promotion mit magna cum laude abschloß, war die DDR samt ihren Prüfungsordnungen nicht länger existent, so daß auch diese Arbeit von der Geschichte quasi überrollt worden war. Ihr Inhalt aber ist nicht weniger dringend geworden...

Auf der Suche nach besseren Werkstatträumen ziehen Tom und Kerstin im Frühjahr 1990 ins Muldental, in die Nähe von Siebenlehn. Mit dem Erwerb der malerischen und einsam am Fluß stehenden, stark sanierungsbedürftigen, ehemaligen Fabrikantenvilla verbindet Tom die Vorstellung von einem Leben in und mit der Natur, das sich auf das Notwendige konzentriert und von daher seine Erfüllung und Schönheit gewinnt. Ebenfalls in diesem neuen Zuhause gehen Freunde und Bekannte ein und aus, sind fasziniert von vielem, was sie hier sehen und erleben, oder andere wiederum bleiben skeptisch. Bald finden sich auch weitere Mitbewohner für längere oder kürzere Zeitspannen im Muldental ein. Tom selbst läßt sich mit Konsequenz auf das Leben "da draußen" ein: Nachdem er seine Promotion abgeschlossen und noch einige Monate an der Fertigstellung eines Patentes gearbeitet hat, hängt er den Chemikerkittel an den Nagel. Dieser Schritt ist für ihn nicht überraschend, seit fünf Jahren hat er ihn geplant und seit seiner Kindheit sich gewünscht. Von nun an bindet er seine Aktivitäten ganz zentral an das Leben im Muldental, ist unentwegt beschäftigt mit dem Haus und dem Grundstück, verschwindet dann wieder für Tage in seinem Atelier, wo er - oft jegliches Zeitgefühl hinter sich lassend - immer neue Experimente auf die Leinwand bringt, in denen er versucht, sein künstlerisches Credo zu verwirklichen. Er faßt die Entwicklung der Malerei als die Geschichte der Emanzipation malerischer Mittel von der Wiedergabe sichtbarer Realität auf. Doch sei dieser Befreiungsprozeß mit der Erlangung einer totalen Unabhängigkeit keinesfalls abgeschlossen, sondern er werde vielmehr sinnlos, wenn sich nicht die andere Komponente, der selbstbewußte Gebrauch der befreiten Mittel zur adäquaten Umsetzung der künstlerischen Idee, dazugesellt. Diese Herangehensweise führt ihn weder zur Unterwerfung unter irgendeinen strikten Ismus, noch zur eklektizistischen Vermengung verschiedenster Stilzitate wie es die Postmoderne praktiziert, sondern sie fordert ihn auf, Synthesemöglichkeiten vorangegangener stilistischer Richtungen zu erarbeiten. Soll somit aber eine neue Homogenität erreicht werden, muß die Synthese auf der Ebene der Wesen und nicht der Erscheinungen erfolgen; dies verlangt sowohl das Verstehen als auch die Negation der bisherigen Stilepochen. 
Natürlich sind seine Bilder inspiriert von der Natur, der Landschaft, die ihn umgeben. Aber wenn er in die Arbeit an einem Bild versunken ist, dann steht das, was da entsteht, in keiner unmittelbaren Beziehung zu seiner Umgebung, vielmehr benutzt er Gesehenes und Erlebtes, um seinem farblichen Komponieren eine Gestalt zu verleihen.
Zum Leben auf dem Land gehören bald auch Tiere: Hühner, Enten, Katzen, Ziegen und Schafe bevölkern nacheinander oder auch gleichzeitig das Muldenufer, benehmen sich zuzeiten angriffslustig gegenüber den Besuchern oder deren Fahrzeugen und müssen selbst um ihr Leben bangen, wenn der Fuchs im Hühnerstall wütet oder ein Habicht am Himmel kreist. Hinzu kommt die Kälte der Wintermonate, die sich dort im Talgrund besonders hartnäckig festsetzt und Tieren und Menschen zu schaffen macht. Kein Winter, in dem nicht die Wasserleitung einfriert, sich der Frost im Gemäuer des Hauses festbeißt, die Kohleöfen unersättlich nach Nahrung schreien. An einem solchen Ort ist der Wechsel der Jahreszeiten noch immer ein existentielles Erlebnis, ist die Wiederkehr der wärmenden Frühjahrssonne eine, durch kein Heizungssystem relativierte Erfahrung.
Trotzdem ist es nicht in erster Linie das Bedürfnis nach einer kostengünstigen Wärme- und Energieversorgung für das eigene Haus, welches dafür Ursache ist, daß Tom 1990 beginnt, sich mit dem Gedanken an die Instandsetzung einer ehemals vorhandenen Wasserkraftanlage zu beschäftigen. 
Am Anfang stand einfach die recht zufällige Entdeckung einer Turbine, als er an einem Sommertag in eine dem Grundstück nahegelegene Rösche einstieg und bis zum Hals im Wasser in ihr 120 Meter vorwärts kam; da endete der Tunnel an einem dicken Fallrohr, was von oben kam. Das konnte nur das Fallrohr einer Wasserkraftturbine sein. Mit Freunden hat er dann durch Klopfzeichen - man war immerhin fünf Meter unter der Erdoberfläche - den oberirdischen Standort ausfindig gemacht. 
Sie graben und stoßen auf eine völlig verrostete, aber nahezu vollständige Turbinenanlage, die natürlich Anstoß für die nächsten Fragen gibt: wo war der Mühlgraben, wo das Wehr?
Es kommen Monate der Erkundung in Archiven und Ämtern nach alten Unterlagen, nach der Machbarkeit in technischer und ökonomischer Hinsicht, nach Finanzierungsmöglichkeiten, nach der Genehmigungsprozedur und auch wie man Eingriffe ausgleichen kann. Auch das betreibt er wieder mit der ihm typischen Hingabe.
Ich erinnere mich noch deutlich daran, wie Tom mir zum erstenmal von dieser Entdeckung und seiner Idee, die Anlagen wieder aufzubauen, erzählte, wie ich ihm entlang der Mulde flußaufwärts durch hüfthohes Gras und Gestrüpp folgte. "Siehst du?", sagte er. "Hier beginnt der Mühlgraben, und dort sind die Reste vom Wehr." Es war nicht viel, was ich erkennen konnte, aber je länger er redete, er von dem einstmals Gewesenen zukünftig zu Tuenden sprach, um so mehr fing auch ich Feuer, nahm in meiner Vorstellung Gestalt an, was Tom da am Ufer der still dahinfließenden Mulde stehend in sprachlichen Bildern zeichnete.
Es folgt eine aufwendige Planungsarbeit und er gewinnt Mitstreiter, denn er kann mit der Stimmigkeit seines Konzeptes, nicht allein im Blick auf die technische Ausführung, sondern auch und gerade als Bestandteil eines umfassenden Lebensentwurfes, den er mit seiner ganzen Person zu leben sucht, überzeugen. Aber er trifft auch auf erbitterten Widerstand. Dieser entzündet an der geplanten Umsetzung einiger Pflanzen, die sich seit Stillegung der Anlage im Mühlgraben angesiedelt haben.
Um klarzustellen, daß er nicht beabsichtigt, Strom auf Kosten der Natur zu produzieren, ist Toms Antwort ein umfangreicher landschaftspflegerischer Begleitplan. Dieser verwandelt das Projekt von einem Wasserkraftwerk in ein Landschaftsprojekt mit integrierter Wasserkraftanlage: Mäandrierung des Flußverlaufes, Uferbepflanzung, Anlegen von Altarm, Tümpel, Biotopflächen sind geplant; auch eine neue technische Wehrvariante, die Faulschlammbildung verhindert. Natur, Tourismus, Technik und Tradition sind in dieser Planung sensibel vereinigt.
Konservativen Naturschützern, die an der Polarisierung des Konfliktes Mensch gegen Technik interessiert sind, ist diese Aussöhnungsvariante ein Dorn im Auge, sie verschärfen den Kampf. Die Behörden, die anfangs einhellig positive Stellungnahmen lieferten, werden verunsichert. Inzwischen hat er die Turbine demontiert und teilweise überholt, die Mühlgräben ausgebaggert und deren Mauern saniert - die Baugenehmigung für das Wehr fehlt noch. Ironie des Schicksals: für seine Planung erhält er einen Preis, aber keine Baugenehmigung.
Es ist hier nicht der Ort, all die Schwierigkeiten nachzuzeichnen, die sich im Laufe der Arbeiten in praktischer und bürokratischer Hinsicht auftürmten bzw. aufgetürmt wurden. Nach sechs Jahren intensivster geistiger, gegenständlicher und finanzieller Investitionen in das Projekt "Wasserkraft", ist heute dessen Weiterführung fraglich.
Trotz aller Zeit und Kraft, die ihm diese Arbeiten abforderten, blieb die Malerei immer ein integraler Bestandteil seines Lebens. Dabei denke ich nicht nur an das unmittelbare kreative Schaffen neuer Bilder und die Zahl der Ausstellungen, in denen diese in den letzten Jahren zu sehen waren. Tom zählt auch zu den Initiatoren, die sich für die Schaffung einer permanenten Ausstellungshalle in dem kleinen Städtchen Siebenlehn, seinem Wohnort, einsetzten. Ihren Platz fand diese Kunsthalle im ehemaligen Kinosaal. Wie in so vielen kleineren Orten mußte auch in Siebenlehn das Kino wegen wirtschaftlicher Unrentabilität aufgegeben werden und der Saal schien zunächst dem Verfall anheimgegeben. Daß heute nicht lange Spinnwebenfäden von der Decke, sondern in wechselnden Ausstellungen die Bilder und Fotografien von Künstlerinnen und Künstlern der Region an den Wänden hängen, dafür hat sich neben anderen Kulturinteressierten des Ortes Tom maßgeblich engagiert.
Ihm ist die Verbindung zu der Umgebung, in der lebt, wichtig, weil er sich in einem konkreten wechselseitigen Beziehungsgeflecht sieht - mit der Natur, den Menschen, der gesamtem Umwelt. Es ist daher auch ein Stück Programm, wenn mancher Besucher seiner Ausstellungen erst einmal die Landkarte zu Rate ziehen muß, um den angegebenen Ort überhaupt zu finden. Aber wer sich dann auf den Weg gemacht hat, nach Reinsberg, Siebenlehn oder Bieberstein, der hat die gute Chance, zu verstehen, wie Leben und Schaffen miteinander korrespondieren.